Mediation bei Störungen des Arzt-Patient-Verhältnisses

Mediation im Medizinrecht| Streit um ärztliche Behandlungsfehler: Kleiner Patzer, große Schäden

Mediation im Medizinrecht Ein sehr spezielles Gebiet ist die Mediation im Gesundheitswesen, in Krankenhäusern und im medizinischen Kontext im Allgemeinen.

Bei aller Sorgfalt – wo Menschen arbeiten, lassen sich Fehler nie ganz ausschließen. Wenn aber in einer Arztpraxis oder in einem Krankenhaus etwas schief geht, hat der Patient womöglich lebenslang mit den Folgen zu kämpfen. Kein Wunder also, dass viele Konflikte um Behandlungsfehler emotional stark aufgeladen sind. Jedes Jahr landen bundesweit rund 10.000 Arzthaftungsfälle vor den Landes- und Amtsgerichten. Die Prozesse dauern oft Jahre, da sich die Beweisführung als schwierig erweist. Das zähe Ringen vor Gericht ist für alle Beteiligten zermürbend, denn für beide Seiten steht viel auf dem Spiel: Für den Patienten kann die Existenz vom Ausgang des Prozesses abhängen, der Arzt muss um sein Ansehen und seine berufliche Zukunft fürchten. Haben sich solche Konflikt erst einmal festgefahren, gibt es dabei oft keine Gewinner mehr – denn je länger sich die kräftezehrenden Verfahren hinziehen, umso mehr rücken sachorientierte Lösungen in weite Ferne.

Ein Beispiel aus dem Alltag unseres Mediator (Univ.)

Streit um eine Augen-Korrektur mit tragischen Folgen

Katja M., 42 Jahre alt, selbstständige Grafikerin, musste seit ihrer Kindheit eine Brille tragen. Da die Sehhilfe sie störte, machte sie einen Termin in einer augenärztlichen Praxis aus, um ihre Kurzsichtigkeit mit dem Lasik-Verfahren korrigieren zu lassen. Der Arzt riet ihr von dem Eingriff ab, da sie ihm wegen einer Unverträglichkeit der Patientin zu riskant erschien. Katja M. aber bestand auf ihrem Wunsch. Also führte der Mediziner die Operation durch. Bereits am folgenden Tag spürte die Mutter von zwei Kindern bei dem Versuch, ihre Augen zu öffnen, heftige Schmerzen. Sie konnte kaum etwas sehen, war wochenlang arbeitsunfähig und selbst im Alltag auf Unterstützung angewiesen. In der Folge verlor Katja M. auf beiden Augen einen Teil ihrer Sehkraft und musste ihren Beruf aufgeben. Das hätte nicht passieren dürfen – vor allem nicht in einer so renommierten Augenklinik. Der Arzt hätte bei seinem Nein bleiben müssen und das Risiko nicht eingehen dürfen. Die Patientin suchte sich einen Anwalt und erhob Klage gegen den Augenarzt. Das Verfahren zog sich bereits über zwei Jahre hin. Zwar stellten mehrere Gutachter die Schuld des Arztes fest. Das Gericht bestätigte den Behandlungsfehler. Der Mediziner wäre damit haftbar. Doch nun ging es um die Höhe von Schmerzensgeld und Schadenersatz – ein Ende war weiterhin nicht absehbar. Um endlich mit der Sache abschließen zu können, stimmten die Konfliktparteien auf Anraten der Haftpflichtversicherung des Arztes schließlich einer Mediation zu.

Was ein Rechtsstreit gebracht hätte

Das Verfahren wäre weitergegangen, vielleicht noch über Jahre: Die Anwälte hätten versucht, das meiste für ihre Mandanten herauszuholen, die Versicherung hätte versucht, die Ansprüche niedrig zu halten. Der andauernde Streit wäre in Niemandes Interesse gewesen: Katja M. litt nicht nur unter dem Verlust ihrer Sehkraft, sondern auch unter Zukunftsängsten und Geldsorgen. Sie war darauf angewiesen, rasch finanzielle Hilfe zu bekommen. Der Arzt indes wäre gezwungen gewesen, sich immer wieder mit den Vorwürfen und Anschuldigungen zu befassen. Seine Praxis war durch den andauernden Konflikt bereits in Schwierigkeiten geraten. Er war in einer Kleinstadt tätig. Jeder neue Verhandlungstag brachte ihn vor Ort erneut ins Gerede; die Lokalzeitungen berichteten, zum Teil polemisch, über „Pfusch bei der Lifestyle-OP“. Für beide Seiten wäre die Belastung also weitergegangen – Ausgang ungewiss. Am Ende hätten sie im schlimmsten Fall mit nichts dagestanden außer stapelweise Akten, einem ruinierten Nervenkostüm und zerstörtem Vertrauen.

Was eine Mediation bei Arzthaftungsfehlern leistet

Aufgrund der Komplexität wurden zwei Mediatoren (Ein langjährig erfahrener Mediator und ein medizinisch vorgebildeter Co-Mediator) zeitgleich eingesetzt. In diesem Fall konnten die beiden Mediatoren den Konfliktparteien helfen, sich auf eine Lösung im Interesse aller zu verständigen. Erst mit Beginn des Gesprächs, also mehr als zwei Jahre nach dem folgenschweren Eingriff, saßen der Arzt und die Patientin zum ersten Mal an einem Tisch, um miteinander zu sprechen. Katja M. erzählte, wie sich ihr Lebensstandard in Folge ihrer Berufsunfähigkeit verschlechtert hatte. Ihr ging es weniger darum, vor Gericht Recht zu bekommen, sondern viel mehr um die Chance, ihre Sichtweise darzulegen und bei der Suche nach einer Einigung berücksichtigt zu wissen. Diese Art emotionaler Auseinandersetzung war in der Mediation, anders als vor Gericht, möglich: Der Arzt litt seit dem Eingriff an Schuldgefühlen. Er konnte die Trauer und Wut seiner Patientin nachempfinden und nutzte die Gelegenheit, sich bei Katja M. für seine fehlerhafte Einschätzung zu entschuldigen. Die Vertreter der Versicherung bekamen die Betroffene erstmals zu Gesicht und konnten sich selbst einen Eindruck von ihrem Zustand und ihren Lebensbedingungen verschaffen. Es dauerte nicht lange, bis die Beteiligten zur Einigung kamen. Ein Vergleich kam zustande; die Parteien legten die Höhe des Schmerzensgeldes fest und der Kosten, die der Behandlungsfehler nach sich gezogen hatte. Die entgangenen Gewinne waren zwar schwierig zu kalkulieren; letztlich aber einigten sich die Beteiligten auf einen angemessenen Betrag. Über den Ausgang der Mediation wurde absolutes Stillschweigen in der Abschlussvereinbarung vereinbart.

Das Ergebnis der Mediation war damit nicht nur das Ende des Konflikts, sondern eine innerliche Versöhnung der Beteiligten. Sie brauchten sich nicht mehr in einem erbitterten Rechtsstreit aufzureiben, sondern konnten endlich damit beginnen, sich ein neues Leben aufzubauen.

Zwei Mediatoren konnten diesen Konflikt in fünf Sitzungen à 90min. und einer sechsten Sitzung à 120min. auflösen.